Mit Ross Kemp in Polen 1. September 2010
Posted by Max in : Fussball International, Medien , add a commentDer Titel klingt für eine ernsthafte Reportage etwas zu künstlich: “Ross Kemp: Die gefährlichsten Gangs der Welt.” Wenn die Sendung dann auch noch auf einen Sender mit dem Titel RTL Crime läuft, lockt mich diese verheißungsvolle Kombination in der Regel nicht an, um zur Fernbedienung zu greifen. Doch gestern Abend war das anders. Alleine die Tatsache, dass sich die Folge aus dem Jahr 2006 um das Hooligan-Problem in Polen drehte, hat mich veranlasst, im Vorfeld etwas mehr über Ross Kemp und seine Sendung zu recherchieren.
Im Original heißt die Serie “Ross Kemp on Gangs” und wurde in den Jahren 2006 bis 2008 bei der britischen Sky-Version ausgestrahlt. 2007 wurde der als Journalist und Schauspieler tätige Ross Kemp sogar mit dem BAFTA-Award (Fernsehpreis der britischen Fernsehakademie) für seine Reportagereihe ausgezeichnet, in der er sich in aller Welt herumtreibt, um über militante und gefährlichen Gruppen zu berichten und dabei dem Ursprung der Gewalt auf die Spur zu kommen. Außerdem war er mehrere Monat als sogenannter “Embedded Journalist” zusammen mit Einheiten der British Army im Afghanistan-Krieg unterwegs. Davon abgesehen, dass ich den Begriff des eingebetetten Berichterstatters bisher nicht kannte, halte ich von dieser Form des Kriegsberichterstattung sehr wenig.
Doch damit zurück zur gestrigen Reportage und den Hooligan-Problemen in Polen. Den Rahmen der Berichterstattung bietet die Stadt Krakau, wo sofort mit einigen Bildern der Partie zwischen Wisla Krakau und Lech Posen eingestiegen wird. Ross Kemp heftet sich mit seinem Kamerateam an die Fersen einer Polizeieinheit, die an jenem Nachmittag das Spiel begleitete. Gezeigt werden die üblichen frustrierenden Bilder, wie die Stimmung im Stadion angespannt ist, wie sie kippt und in Gewalt umschlägt, Tränengas und Schlagstöcke müssen eingesetzt werden. Ein in Polen lebender englischer Journalist bezeichnet diese Zustände als “normal”.
Im zweiten Teil der Reportage versucht Ross Kemp, den Hintergründen der Gewalt auf die Schliche zu kommen. Erschwerend ist auch zu bemerken, dass sich die Gewalt in Fussball-Stadien in Polen anscheinend oft mit Rechtsextremismus verbindet. Kemp besucht die Stadt Gorzow, die nahe an der deutschen Grenze zwar nur einen drittklassigen Klub beheimatet, aber dafür auch die landesweit bekannte Gruppierung “Stilon Fighters”. Nach dem erfolglosen Annäherungsversuch in einer tristen, furchteinflößenden Plattenbausiedlung schafft es Ross Kemp, zwei “Fans” des Klubs zu treffen: Python und sein Zwillingsbruder Python II. Neben wenig aussagekräftigen Antworten auf die Fragen nach ihrem Fremdenhass und der Gewaltbereitschaft wird aber auch die Mutter der Python-Brothers und die Frau von Python II interviewt, wo die Fassungslosigkeit des Zuschauers über die geistige Stumpfheit durch menschliche Züge durchbrochen wird. Vom nächsten Tag gibt es Bilder von einem Heimspiel in Gorzow, wo die Fans des Gegners erst in der zweiten Halbzeit erscheinen. Sicher nicht, um sich das Spiel anzuschauen…
Anschließend geht es für Kemp und sein Produktionsteam wieder zurück nach Krakau. Im Vorfeld des anstehenden Stadtderbys zeigt ein Fremdenführer die Trennung der Stadt in zwei Lager und erklärt das besondere Problem der Gewaltbereitschaft in Krakau: Hier gibt es keinen Ehrenkodex der Hooligan-Gruppierung - alles ist erlaubt. Ross Kemp arrangiert ein brisantes Treffen mit einigen Hooligans, die ihm widerwillig einseitige Parolen auf seine Fragen nach dem Ursprung ihres Denkens und Handelnsum die Ohren schmeißen. Die zum Abschluss gezeigten Bilder vom Stadtderby - oder besser von dem was rundherum passierte - konnten nur einen kleinen Einblick geben, über das, was in vielen Stadien Polens Alltag ist. Wobei auch hier klar betont werden muss, dass es sich bei diesen Leuten um die klare Minderheit der Zuschauer handelt. Aber das Ausmaß ihrer Gewaltbereitschaft ist beängstigend.
Die Reportage überzeugt mehr durch die Aussagekraft ihrer Bilder, als durch tiefschürfende Interviews. Eine wirkliche Antwort auf die Frage, wo die Ursachen für die Gewaltexzesse liegen, gibt es von Ross Kemp nicht. Nur kurz wird auf die Vernachlässigung vor allem der Provinzen in der post-kommunistischen Ära eingangen. Die Moderation von Kemp wirkt etwas sehr gestelzt und rutscht leider zu häufig in die Kategorie Sensationsjournalismus. Sehr gut gelungen ist es aber, die zwischen sinnlos-aggressiv und hoffnungslos schwankende Stimmung einzufangen. Bei den Hooligans, den “normalen” Zuschauern im Stadion, den Sicherheitskräften.
Fazit: Kein unbedingtes Must-See. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sollte diese Folge von Ross Kemp on Gangs aber auf jeden Fall mitgenommen werden. Auch mit Blick auf die Tatsache, dass in weniger als zwei Jahren eine Fussball-Europameisterschaft in Polen auf dem Programm steht.
UEFA Club Football Awards 27. August 2010
Posted by Max in : Champions League, Europa League, Medien , add a commentEs ist jedes Jahr das Gleiche: Man will sich nur mal eben schnell die Auslosung zur Gruppenphase der Champions League anschauen, und am Ende zieht sich die ganze Sache über eine Stunde lang zäh wie ein Kaugummi. Der Grund dafür ist eine Auszeichnung, die offenbar so wichtig und bedeutend ist, dass ich regelmäßig jedes Jahr vor der Auslosung vergessen habe, dass es diese überhaupt gibt. Die Rede ist von den”UEFA Club Football Awards”. Seit dem jahr 1998 werden für jede der vier Hauptpositionen auf dem Fussballfeld die Trophäen verteilt. Außerdem gibt es noch die Wahl zum Spieler des Jahres, der Titel Trainer des Jahres wurde 2007 abgeschafft.
Im Prinzip sind diese UEFA-Awards ja eine nette Idee, doch in den letzten Jahren ist diese Veranstaltung zu einer fragwürdigen Farce verkommen. Gefühlt müsste es eher heißen: Die besten Spieler des Finals. In diesem Jahr gerieten die Auszeichnungen für mich endgültig zur Lächerlichkeit: Alle Auszeichnungen gingen an Inter Mailand. Keine Frage: Inter hat eine starke Saison gespielt. Das man die Defensiv-Positionen mit Inter-Spielern besetzt, geschenkt. Aber Wesley Sneijder bester Mittelfeldspieler? Ein Diego Milito bester Spieler der Saison? Ich habe eher den Eindruck, dass es sich die Verantwortlichen UEFA-Leute hier sehr einfach gemacht haben. Zufall, dass gerade alle ausgezeichneten Spieler in Monaco anwesend waren, wegen des UEFA-Supercup-Spiels am folgenden Abend?
Nun gipfelte die Verteilung der Preise in diesem Jahr in einer beispiellosen Einseitigkeit. Gefühlt ist dies schon länger so, jedenfalls hat die Vorausschaubarkeit bei den Awards schon lange ein sehr hohes Level erreicht. Für meinen Geschmack wäre das doch mal eine Möglichkeit, die Entdeckungen und Überraschungen auszuzeichnen, anstatt den Vorjahressiegern noch mehr Auszeichnungen hinterherzuwerfen - bei allem Respekt vor deren Leistungen. Ähnlich spektakulär wie die Pokalübergabe verläuft dann schließlich auch die Ehrung. Im Nachklang der gestrigen Preisverleihungen habe ich mal die Statistiken bemüht und Excel angeschmissen. Das Ergebnis: Drei (mehr oder weniger) aussagekräftige Grafiken.
Titelgewinn = Auszeichnungen. Eine klare Tendenz
War die Champions League bis 2003 ausgeglichener oder hat sich die UEFA damals einfach etwas mehr Mühe bei der Wahl der Titelträger gegeben? Auffällig, dass damals zumeist “nur” zwei der fünf Auszeichnungen pro Jahr an den Sieger der Königsklasse gingen. Zu Beginn spielten sogar Spieler von Vereinen aus dem UEFA-Pokal noch eine Rolle bei der Auswahl. 2003 - es war jenes schreckliche Jahr mit dem furchtbaren Finale Milan-Juventus - wurde sogar gar kein Spieler des CL-Siegers AC Mailand (zurecht) ausgezeichnet. Seit 2006 jedoch ist die klare Tendenz erkennbar: Immer mehr Spieler des Titelgewinners bekommen auch einen UEFA-Award, zumindest im Finale aber sollte man stehen.
Torhüter auch ohne Finale mit Chancen
Diese Grafik soll verdeutlichen, wie weit die Mannschaft des geehrten Spielers im Wettbewerb gekommen ist. Dass der Spieler des Jahres zum großen Teil vom Sieger gestellt wird, finde ich nachvollziehbar. Auch die Stürmer sollten zusehen, am Ende irgendwie den Pott mit den großen Ohren in den Händen zu halten. Auf der Verteidigerposition ist es jedoch relativ ausgeglichen bis hin zu den Halbfinalisten. Beste Chancen, auch ohne Finale, sogar nur als Viertelfinalist, besitzen die Torhüter.
Länderverteilung
Eine kleine Spielerei zum Abschluss. Aus welcher Liga wurden wie viele Spieler ausgezeichnet? Die meisten Ehrungen gingen bisher wenig überraschend nach England, Spanien und Italien. Auffällig ist der große Torhüter-Block der Premier League. Dieser ist bestimmt nicht den großartigen Paraden britischer Torhüter geschuldet. Auch Deutschland hat hier durch den viermaligen Sieger Oliver Kahn einen entscheidenden Anteil. Ansonsten lässt sich festhalten: Die besten Stürmer kommen zumeist aus Spanien, Mittelfeldstrategen aus Italien. Bemerkenswert die Aufteilung die Portugal, die 2004 durch den FC Porto vier Auszeichnungen absahnten.
Ich bezweifle, dass die UEFA ihr Konzept bei den Club Football Awards überdenken wird. Und so werde ich auch nächsten August gelangweilt zusehen, wenn fünf Spieler des FC Bayern die Pokale überreicht bekommen.
Last-Minute-Bremen 25. August 2010
Posted by Max in : Champions League , 1 comment so farWir befinden uns in der zweiten Halbzeit eines Rückspiels in den Playoffs zur Gruppenphase der Champions League. Der deutsche Vertreter, hier Werder Bremen, hat sich durch einen 3:1-Heimsieg im Hinspiel eine hervorragende Ausgangslage verschafft. Doch gerade das spätete Gegentor schmerzte. Durch zwei frühe Tore konnte der italienische Gegner, Sampdoria Genua, zeitig den Rückstand egalisieren und sogar noch vom sechs Tage zuvor geschossenen Auswärtstor profitieren. Dann kam für mich der Satz des Abends, gesprochen von Sky-Kommentator Marcel Reif, der zu diesem Zeitpunkt so treffend das Bremer Spiel charakterisierte und zugleich auch noch den Wendepunkt markierte:
Wenn man Marin so sieht, möchte man sagen: Herr Schaaf, nehmen Sie doch das Kind vom Platz!
Marko Marin, schon bei der Weltmeisterschaft im Formtief, spielte bis zu diesem Zeitpunkt eine desolate Partie und rannte sich - wenn er überhaupt mal in die Situation kam - mit kindlicher Naivitität immer wieder in den Abwehrreihen von Sampdoria fest. Überhaupt scheint Werder bis dahin noch paralysiert von den beiden Gegentreffern. Im Vorfeld wurde viel diskutiert, inwiefern das Gegentor aus dem Heimspiel schmerzen könnte. Die Antwort war schnell gegeben. Mit zunehmender Spieldauer allerdings ließen die Kräfte bei den Italienern nach, und Werder fand zumindest zeitweise einen besseren Zugang zum Spiel. Eine Glanzleistung allerdings war es zu keinem Zeitpunkt, wenige Tage nach der 1:4-Prügel von Hoffenheim und in Anbetracht der Tatsache, dass nur 14 Feldspieler zur Verfügung standen. Als nach 85 Minuten auch noch das dritte Tor für Genua fiel, schien die Sache endgültig gelaufen. Dieser Treffer von Cassano markierte aber erst Recht den Zeitpunkt, als das Spiel endgültig kippte.
Kurz nach seinem Treffer freilich war die Stimmung im Hexenkessel von Genua auf dem Siedepunkt. Der einstige “Bad Boy” Cassano - heute angeblich geläutert - verließ (zu) vorzeitig den Platz, wurde ausgewechselt und ließ sich feiern. Dann kam in der Nachspielzeit Markus Rosenberg und erzielt doch noch das Tor für Bremen. Verlängerung war die logische Konsequenz. Fraglich ist, ob Rosenberg zu diesem Zeitpunkt eigentlich mitspielen hätte sollen. Denn er wurde nach 72 Minuten zunächst nur eingewechselt, weil das Trikot von Sandro Wagner durch eine Platzwunde so verschmiert war, dass ein Wechsel der Spielkleidung nötig war. Offensichtlich wäre damit ein solcher zeitlicher Aufwand verbunden gewesen, dass Trainer Schaaf dieses Risiko zu groß war und kurzerhand Rosenberg auf den Platz geschickt wurde.
In der Verlängerung schließlich zeigte Werder endlich dass, was man von einem Bundesliga-Vertreter im Europapokal gegen Sampdoria Genua, bei allem Respekt, erwarten darf. Besonders der schon erwähnte Marko Marin drehte richtig auf, offensichtlich eine “Druckbetankung” (O-Ton Marcel Reif), traf zweimal Latte bzw. Pfosten. Dem finalen Treffer nach 100 Minuten durch Claudio Pizzaro konnte Samp letztendlich nichts mehr entgegensetzen, die Kräfte waren aufgebraucht. Zu sehr haben die 90 Minuten zuvor geschlaucht, zu leer auch der Kopf nachdem man in letzter Sekunde die fast schon sichere Gruppenphase entrissen bekam. Sieht man beide Spiele in der Addition, steht Werder knapp, aber doch verdient in der Champions League. Die 210 Spielminuten haben aber auch noch jede Menge Verbesserungspotential gezeigt, um mit den Großen Europas dann auch mithalten zu können.
Chong Tese 24. August 2010
Posted by Max in : Bundesliga , 1 comment so farChong Tese ist sein Name. So steht es zumindest auf seinem Trikot, und so wird der Mann wohl auch ausgesprochen. Offensichtlich wurde hier von seinem neuen Verein, dem VfL Bochum, nur eine neue Version der Transkription seines Namens ausgepackt, denn bei Wikipedia taucht die Schreibweise wie auf seinem Trikot überhaupt nicht auf. Immerhin kann man froh sein, dass Bochum nicht erstklassig spielt, denn das ZDF hätte bestimmt noch eine schöne neue Form der Aussprache für ihn gefunden.
Von den Wirren um die korrekte Schreibweise von Teses Namen nun aber zum sportlichen. Chong Tese wird in seiner Heimat als “Wayne Rooney Asiens” verkauft. Nun halte ich wenig davon, Spielern das Prädikat anderer Fussballer aufzudrücken. Wie oft etwa hatte Frankreich schon den “neuen Zidane”? Immerhin steht ein Quervergleich mit Rooney aber auch für eine gewisse Qualität, für einen bestimmten Stürmertyp. Nach den ersten neunzig Minuten des Nordkoreaners in der 2. Bundesliga kann man folgendes Fazit ziehen: Qualität ja, aber ein Rooney-Doppelgänger ist er eher nicht.
Gleich zwei Treffer waren es zum Ligadebüt für Tese. Die ersten sechzig Minuten legte er einen bemerkenswerten Elan an den Tag, war in der Offensive auf allen Positionen zu finden, rannte ohne Ende. In Erinnerung bleiben zwei schöne Tore, wobei besonders sein Hechtkopfball überzeugte, wie man es eigentlich nur aus den FIFA-Spielen von EA Sports kennt. Nach etwa einer Stunde war die Luft zwar raus, aber nachhaltig in Erinnerung bleibt er für mich nach diesem Spiel auf jeden Fall. In den nächsten Wochen darf Tese dann bestätigen, ob es sich hier um ein kurzes Strohfeuer zum Anfang handelt, oder er wirklich die Möglichkeiten besitzt, zu dem Zweitligaspieler der Saison aufzusteigen.
Nur die Hintergrundgeschichte von Tese wirkt auf mich etwas strange. In Japan geboren als Sohn einer südkoreanischen (!) Auswandererfamilie besuchte er eine Schule, und später eine Universität, die Nordkorea nahe stehen. Offensichtlich hat er noch nie in Nordkorea gelebt, spielt aber seit dem Sommer 2007 für dieses Land. Bei der Weltmeisterschaft ging sein Bild um die Welt, als er bei der Nationalhymne weinte. Das wirkte auf mich im Vorfeld doch etwas befremdlich, sowohl seine Wahl für Nordkorea zu spielen, als auch der Emotionsausbruch vor einem WM-Spiel. Eines aber muss man ihm lassen: In seinen ersten Wochen in Deutschland hat er die Sprache sehr gut gelernt - das konnte man gestern im TV-Interview hervorragend miterleben - und spricht somit fast besser Deutsch als viele Spieler, die bereits seit Jahren hier spielen.
Saisonvorschau 10/11 - Zweite Liga 20. August 2010
Posted by Max in : Bundesliga , 1 comment so farAm heutigen Abend beginnt die neue Saison. Sowohl in der Bundesliga, aber auch in der Zweiten Liga. Bevor es losgeht, habe ich mich ein bisschen mit Eugen Epp unterhalten, Arminia-Fan im Leipziger Exil. Es geht hauptsächlich natürlich um die Saison der Bielefelder, ein bisschen um die Liga allgemein und letztendlich auch um die Chancen der Berliner Hertha. Viel Spaß beim Lesen!
Hallo Eugen, danke dass du dir Zeit nimmst, uns einige Fragen zur 2. Bundesliga im Allgemeinen und Arminia Bielefeld im Speziellen zu beantworten!
Vor wenigen Tagen hat die Arminia mit Ach und Krach die 2. Runde des Pokals erreicht, wäre fast am Drittligisten Regensburg gescheitert. War das nur ein typisches Pokalspiel, oder schon ein Vorzeichen für eine schwierige Saison?
Dass Regensburg kein einfacher Gegner wird, war klar, wenn man sich den lupenreinen Start des Jahn in der dritten Liga angeschaut hat. Mit dem Sieg im Elfmeterschießen begann die neue Saison ebenso dramatisch wie die alte endete. Insgesamt mache ich mich durchaus auf ein hartes Jahr gefasst. An den Aufstiegsplätzen wird man sich auf der Alm in dieser Saison wohl eher nicht orientieren.
Aus der vergangenen Saison ist mir in erster Linie das finanzielle Chaos vom DSC in Erinnerung geblieben und der Punktabzug. Wie ist der aktuelle Stand in Sachen Finanzen, und was bedeutet das konkret für die kurz- und mittelfristige Entwicklung des Vereines?
Der Lizenzentzug konnte ja durch das Einspringen einiger Sponsoren in letzter Sekunde glücklicherweise verhindert werden. Eine Folge der Arminia-Finanzkrise waren diverse Umstrukturierungen in Vereinssatzung und Führungsetage – vielleicht führt das mal dazu, dass endlich vernünftiger gewirtschaftet wird. Welche Auswirkungen die Geldnot sportlich hat, deutet sich bereits an: viele Leistungsträger wie Federico oder Mijatovic mussten abgegeben werden, um Geld in die Kassen zu bekommen bzw. Gehälter einzusparen. Wirklich gut gelaufen ist selbst das nicht, es kam bisher nur 1 Mio. € an Ablöse zusammen. Und für Neuzugänge wurde noch kein einziger Cent Ablöse ausgegeben …
Auch sportlich verlief ja die Saison 2009/2010 nicht ohne Dellen. Mit Thomas Gerstner kam ein unbekannter Name als Trainer, doch schnell war er auch wieder weg. Was ist da schief gelaufen?
Sicherlich hat Gerstner nicht alles richtig gemacht, ich bin aber generell kein Freund davon, dem Trainer die Hauptschuld an der Misere zu geben. In der Hinrunde hat alles noch recht gut geklappt, nach der Winterpause war plötzlich die Luft raus. Da ist mir mehr die unerklärliche Lustlosigkeit und der Leistungsabfall einiger Spieler aufgefallen als konkrete Trainerfehler. Die Entlassung von Gerstner hatte wohl weniger mit seiner Person zu tun, es sollte mehr ein Zeichen in der Krise sein. Vielleicht kann man so was „Ratlosigkeit“ nennen, besser wurde es mit Dammeier jedenfalls auch nicht.
Kommen wir zur Gegenwart: Christian Ziege heißt der neue Übungsleiter. Was hälst du von seiner Verpflichtung?
Er weiß immerhin, wie man Deutscher Meister wird
Christian Ziege hat als Spieler viel Erfahrung und wird sicher viel davon an die jungen Spieler weitergeben können. Als Trainer hat er zwar noch nicht viel bewirkt, ich bin da aber zuversichtlich, dass er gute Arbeit leisten kann. Für die aktuellen finanziellen und sportlichen Verhältnisse in Bielefeld ist er meiner Meinung nach eine gute Lösung. Allerdings befürchte ich, dass er als Trainer und Sportdirektor überlastet sein könnte. Da wäre es mir lieber, die Aufgaben zu trennen, auch um im Falle einer Trennung nicht wieder vor dem Nichts zu stehen.
Neun Neuzugängen stehen zehn Abgänge gegenüber. Der Kader macht mir von den Namen her einen guten Eindruck, der zumindest im oberen Drittel mitspielen kann. Würdest du diese Sommerpause inkl. Trainertausch als „Umbruch“ bezeichnen? Wie lautet dein Saisonziel?
Deine Einschätzung „oberes Drittel“ verwundert mich etwas. Ich bin zunächst froh, wenn wir nicht ins Sichtfeld der Abstiegsplätze rutschen. Insofern kann man auf jeden Fall von einer „Umbruchsaison“ sprechen – wie so oft in Bielefeld ist mal wieder ein Neuanfang nötig und es soll alles besser werden. Was den Kader angeht, trauere ich im Moment eher Spielern wie Kirch, Federico oder Mijatovic hinterher, die Neuzugänge lassen sich größtenteils nur schwierig einschätzen. Rückkehrer Benni Lense und der flexible Bölstler aus Erfurt können Verstärkungen sein, bei Oliver Neuville muss man abwarten. Der Rest der Neuen zeichnet sich vor allem durch seine Jugend aus, lässt sich aber auch entsprechend schwer einschätzen. Es fehlt ein Stürmer, der zuverlässig seine Tore macht. In Richtung Aufstieg sollte man sich also vorerst keine Illusionen machen.
Noch kurz eine Frage zur vorletzten Spielzeit: Damals holte die Arminia für ein Spiel Jörg Berger auf die Trainerbank. Viele schüttelten damals mit dem Kopf, ob dieser kurzfristigen Maßnahme. Wie war die Meinung im Bielefelder Fan-Lager dazu?
Für die gesamte Fangemeinde möchte ich da nicht sprechen, ich hatte jedoch den Eindruck, dass vielen Blauen (inklusive mir) der Sinn dieser Maßnahme ebenfalls verborgen blieb. Ich glaube nicht, dass ein Trainer innerhalb von wenigen Tagen Großes bewirken kann. Selbst wenn es damals im letzten Spiel gegen Hannover geklappt hätte, wäre es nicht unbedingt das Verdienst des mittlerweile leider verstorbenen Berger gewesen. Man hätte Frontzeck früher entlassen können, dann hätte auch ein Trainerwechsel noch Sinn gemacht.
Da mein Blog-Kollege Moritz sich ja in dieser Saison auch mehr mit der 2. Bundesliga beschäftigen muss, möchte ich nun noch einige Fragen zum „Unterhaus“ loswerden, denn als Arminia-Anhänger ist dir diese Spielklasse ja auch gut bekannt.
Die TV-Werbung spricht gerne von der „besten Zweiten Liga der Welt.“ Mangels Vergleichsmöglichkeiten möchte ich da nicht sofort einstimmen, dennoch finde ich dass dort ein gutes Niveau herrscht. Was zeichnet die 2. Bundesliga deiner Meinung nach besonders aus?
Das Wort von der „besten Zweiten Liga aller Zeiten“ liest man ja seit Jahren, wahrscheinlich auch nicht ganz zu Unrecht. Erstens spielen in der Zweiten Liga viele Traditionsklubs, z.B. Alemannia Aachen, 1860 München oder nun ja auch die Hertha. Sie alle haben eine große Geschichte und eine gute Fanbasis. Zweitens findet man quer durch Deutschland hervorragende, moderne Stadien mit einer guten Stimmung – auch wenn die Umbauten manchen Klub an den Rand der finanziellen Kapazitäten geführt haben. Drittens ist auch die sportliche Qualität sehr hoch: bei uns in Bielefeld beispielsweise sitzt ein südafrikanischer Nationaltorwart nur auf der Bank. Das sind alles Faktoren, die der Zweiten Liga wohl auch international zu Ansehen verhelfen. Allerdings muss auch ich zugeben, in den Unterhäusern Europas nicht gerade beheimatet zu sein.
Wen zählst du zu den heißesten Aufstiegskandidaten? Wie wird sich letztendlich Hertha BSC in dem neuen Umfeld schlagen? Schließlich gab es schon einige Bundesliga-Absteiger mit Eingewöhnungsschwierigkeiten.
Ein Blick auf den Kader der Herthaner sagt mir, dass sie mit ihren vielen bundesligaerfahrenen Akteuren sehr hoch im Kurs stehen werden. Zu den übrigen Aufstiegskandidaten würde ich einmal den FC Augsburg zählen, außerdem noch den VfL Bochum. Gönnen würde ich es, trotz Lokalrivalität, dem SC Paderborn, mit seiner sympathischen Mannschaft noch einmal einen draufzusetzen. Aber wahrscheinlich kommt eh alles ganz anders.
Vielen Dank für deine Zeit. Ich wünsche dir und der Arminia eine spannende und erfolgreiche Saison 2010/2011 !


